Kirchenfenster
Die gestalteten Antikglas-Fenster unserer Kirche im Paul Gerhardt Stift
Die mundgeblasenen „Echt-Antikglas“-Fenster unserer Kirche wurden 1990 von Erica Feist gestaltet und von der Glashütte Lamberts hergestellt. Die handwerkliche Montage wurde von Glasermeister Detlef Graw ausgeführt.
Kirchenfenstergestaltung nach
dem Glaubensbekenntnis
nach Martin Luther (1529) und Gerhard Tersteegen (1745)
Ich glaube, daß ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft
an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann;
sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen,
mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie er die ganze Christenheit auf Erden beruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei Jesus Christus erhält im rechten, einigen Glauben.
— Martin Luther 1529
Gott Vater, Sohn und Heilger Geist,
o Segensbrunn, der ewig fleußt,
durchfleuß Herz, Sinn und Wandel wohl,
mach uns deins Lobs und Segens voll.
— Gerhard Tersteegen 1745
„Die Gestaltung der jetzigen Apsisfenster und ihr Mittelpunkt bedeuten das Glaubensbekenntnis. Die Dreieinigkeit Gottes, Vater, Sohn und Heiliger Geist sind mit rotem Glas in der Kreisform, als Äußerung der Unendlichkeit. Durch sie führt der immerwährende Weg hinauf zu Gottes Licht. Im linken Fenster oben ist die Interpretation eines Regenbogens angedeutet, als Zeichen Gottes mit seinem Volk.
Die Auswahl der Lieder wurde mit dem damaligen Direktor des Paul Gerhardt Stifts, Herrn OKR Weert Flemmig, abgesprochen. Ihm bin ich dankbar, dass ich frei und ohne Einflussnahme die Fenster gestalten konnte.“
Kirchenfenstergestaltung nach
„Befiehl du deine Wege“
Aus dem Evangelischen Gesangbuch EG 361 Vers 1, 2, 4 mit Text von Paul Gerhardt (1653) und Musik von Bartholomäus Gesius (1603) bei Georg Philipp Telemann (1730)
1. Befiehl du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege,
Lauf und Bahn, der wird auch Wege
finden, da dein Fuß gehen kann.
2. Dem Herren musst du trauen,
wenn dir's soll wohlergehn;
auf sein Werk musst du schauen,
wenn dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen
und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen,
es muss erbeten sein.
4. Weg hast du allerwegen,
an Mitteln fehlt dir's nicht;
dein Tun ist lauter Segen,
dein Gang ist lauter Licht;
dein Werk kann niemand hindern,
dein Arbeit darf nicht ruhn,
wenn du, was deinen Kindern
ersprießlich ist, willst tun
„Der Weg, unten windet sich durch Täler und Höhen, um dann als Weg, der für die Aufgaben des Geistes und im Dienst am Nächsten, steht, im Band der Liebe zu enden.
Die Gestaltung der Buchstaben in der Brosche der Diakonissen des Paul Gerhardt Stiftes habe ich in dieses Fenster eingefügt. Ich tat dies besonders gerne, weil es sich während der Arbeit an den Fenstern in einem Gespräch mit der damaligen Oberin Sr. Hildegard Oelke herausstellte, dass ihr Bruder Siegfried Oelke einer meiner wichtigsten Lehrer während meines Kunststudiums in Hamburg war. In einer seiner Klassen wurde die Brosche entworfen.“
Kirchenfenstergestaltung nach
„Geh’ aus mein Herz
und suche Freud“
Aus dem Evangelischen Gesangbuch EG 503 Vers 1 – 3, 7, 14 mit Text von Paul Gerhardt (1653) und Musik von August Harder vor (1813)
1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben.
2. Die Bäume stehen voller Laub,
das Erdreich decket seinen Staub
mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan,
die ziehen sich viel schöner an
als Salomonis Seide,
als Salomonis Seide.
3. Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hoch begabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder,
Berg, Hügel, Tal und Felder.
7. Der Weizen wächset mit Gewalt;
darüber jauchzet Jung und Alt
und rühmt die große Güte
des, der so überfließend labt
und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüte,
das menschliche Gemüte.
14. Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben,
und Pflanze möge bleiben.
„Konkrete Formen wie Vögel, Blätter, Bäume, Wasser, Weizen, Brot und Wein verbinden Gestaltung und Text. Doch zugleih haben sie eine vielschichtige Bedeutung. Nicht nur ‚die Lerche schwingt sich in die Luft‘, auch unser Geist strebt empor. ‚Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzeln treiben.‘“
Kirchenfenstergestaltung nach
„Ich singe Dir
mit Herz und Mund“
Aus dem Evangelischen Gesangbuch EG 324 Vers 1 – 3, 7, 14 mit Text von Paul Gerhardt (1653) und Musik von „Nun danket all und bringet Ehr“ (EG Nr. 322) und Satz von Johann Crüger (1653)
1. Ich singe dir mit Herz und Mund,
Herr, meines Herzens Lust;
ich sing und mach auf Erden kund,
was mir von dir bewusst.
2. Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad
und ewge Quelle bist,
daraus uns allen früh und spat
viel Heil und Gutes fließt.
3. Was sind wir doch? Was haben wir
auf dieser ganzen Erd,
das uns, o Vater, nicht von dir
allein gegeben werd?
7. Ach Herr, mein Gott, das kommt von dir,
du, du musst alles tun,
du hältst die Wach an unsrer Tür
und lässt uns sicher ruhn.
14. Er ist dein Schatz, dein Erb und Teil,
dein Glanz und Freudenlicht,
dein Schirm und Schild, dein Hilf und Heil,
schafft Rat und lässt dich nicht.
„Während in den anderen Fenstern Die Gestaltungen aufwärts streben ist hier die wesentliche Form abwärts gestaltet. In unsere bittenden Hände ‚viel Heil und Gutes fließt... dein Schirm und Schild und lässt dich nicht‘ und wird die Seele hinauf führen.“
Kirchenfenstergestaltung nach
„Wie soll ich dich empfangen“
Aus dem Evangelischen Gesangbuch EG 11 Vers 1 – 3 mit Text von Paul Gerhardt (1653) und Musik von Johann Crüger (1653)
1. Wie soll ich dich empfangen
und wie begegn ich dir,
o aller Welt Verlangen,
o meiner Seelen Zier?
O Jesu, Jesu, setze
mir selbst die Fackel bei,
damit, was dich ergötze,
mir kund und wissend sei.
2. Dein Zion streut dir Palmen
und grüne Zweige hin,
und ich will dir in Psalmen
ermuntern meinen Sinn.
Mein Herze soll dir grünen
in stetem Lob und Preis
und deinem Namen dienen,
so gut es kann und weiß.
3. Was hast du unterlassen
zu meinem Trost und Freud,
als Leib und Seele saßen
in ihrem größten Leid?
Als mir das Reich genommen,
da Fried und Freude lacht,
da bist du, mein Heil, kommen
und hast mich froh gemacht.
„‚... und schenkt mir großes Gut, das sich nicht lässt verzehren, wie irdisch Reichtum tut.‘ In diesem Fenster konzentriert sich noch einmal das Band der Gemeinde und der Gemeinschaft, das Geben und das Beschenkt werden.“
Kirchenfenstergestaltung nach
„Sollt ich meinem
Gott nicht singen“
Aus dem Evangelischen Gesangbuch EG 325 Vers 1, 4, 6, 10 mit Text von Paul Gerhardt (1653) und Musik von Johann Schop (1641)
1. Sollt ich meinem Gott nicht singen?
Sollt ich ihm nicht dankbar sein?
Denn ich seh in allen Dingen,
wie so gut er's mit mir mein'.
Ist doch nichts als lauter Lieben,
das sein treues Herze regt,
das ohn Ende hebt und trägt,
die in seinem Dienst sich üben.
Alles Ding währt seine Zeit,
Gottes Lieb in Ewigkeit.
4. Seinen Geist, den edlen Führer,
gibt er mir in seinem Wort,
dass er werde mein Regierer
durch die Welt zur Himmelspfort;
dass er mir mein Herz erfülle
mit dem hellen Glaubenslicht,
das des Todes Macht zerbricht
und die Hölle selbst macht stille.
Alles Ding währt seine Zeit,
Gottes Lieb in Ewigkeit.
6. Himmel, Erd und ihre Heere
hat er mir zum Dienst bestellt;
wo ich nur mein Aug hinkehre,
find ich, was mich nährt und hält:
Tier und Kräuter und Getreide;
in den Gründen, in der Höh,
in den Büschen, in der See,
überall ist meine Weide.
Alles Ding währt seine Zeit,
Gottes Lieb in Ewigkeit.
10. Weil denn weder Ziel noch Ende
sich in Gottes Liebe find't,
ei so heb ich meine Hände
zu dir, Vater, als dein Kind,
bitte, wollst mir Gnade geben,
dich aus aller meiner Macht
zu umfangen Tag und Nacht
hier in meinem ganzen Leben,
bis ich dich nach dieser Zeit
lob und lieb in Ewigkeit.
„Aus dem irdischen Leben, dem Wasser und den Hügeln sowie den Blättern am Baum, die im ewigen Kreislauf vergehen, erhebt sich das helle Glaubenslicht durch den Tod zur Liebe Gottes. ‚… mit dem hellen Glaubenslicht, das des Todes Macht zerbricht.‘ Hier ist der Tod im Zentrum der Gestaltung ‚zerbrochen‘. Zum Ausdruck kommt dies in den warmen Farbtönen rot und braun. Und es ist keine unüberwindliche Mauer aus Endlichkeit.“
Kirchenfenstergestaltung nach
„Ich steh an deiner Krippe hier“
Aus dem Evangelischen Gesangbuch EG 37 Vers 1 – 3; sowie EG 85 Vers 1, 6, 10; EG 112 Vers 1, 6; EG 133 Vers 8 mit Text von Paul Gerhardt (1653) und Musik von Johann Sebastian Bach (1736)
„Ich steh an deiner Krippe hier“ EG 37
1. Ich steh an deiner Krippen hier,
o Jesu, du mein Leben;
ich komme, bring und schenke dir,
was du mir hast gegeben.
Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn,
Herz, Seel und Mut, nimm alles hin
und lass dir's wohlgefallen.
2. Da ich noch nicht geboren war,
da bist du mir geboren
und hast mich dir zu Eigen gar,
eh ich dich kannt, erkoren.
Eh ich durch deine Hand gemacht,
da hast du schon bei dir bedacht,
wie du mein wolltest werden.
3. Ich lag in tiefster Todesnacht,
du warest meine Sonne,
die Sonne, die mir zugebracht
Licht, Leben, Freud und Wonne.
O Sonne, die das werte Licht
des Glaubens in mir zugericht',
wie schön sind deine Strahlen!
„O Haupt voll Blut und Wunden“ EG 85
mit Text von Paul Gerhardt (1656) nach „Salve Caput Cruentatum“ des Arnulf von Löwen (vor 1250) und Musik von Hans Leo Hassler (1601), Geistlich Brieg (nach 1601) und Görlitz (1613) „Herzlich Tut Mich Verlangen“
1. O Haupt voll Blut und Wunden,
voll Schmerz und voller Hohn,
o Haupt, zum Spott gebunden
mit einer Dornenkron,
o Haupt, sonst schön gezieret
mit höchster Ehr und Zier,
jetzt aber hoch schimpfieret:
Gegrüßet seist du mir!
6. Ich will hier bei dir stehen,
verachte mich doch nicht;
von dir will ich nicht gehen,
wenn dir dein Herze bricht;
wenn dein Haupt wird erblassen
im letzten Todesstoß,
alsdann will ich dich fassen
in meinen Arm und Schoß.
10. Erscheine mir zum Schilde,
zum Trost in meinem Tod,
und lass mich sehn dein Bilde
in deiner Kreuzes-not.
Da will ich nach dir blicken,
da will ich glaubensvoll
dich fest an mein Herz drücken.
Wer so stirbt, der stirbt wohl.
„Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ EG 112
mit Text von Paul Gerhardt (1647) und Musik von Johann Crüger (1647)
1. Auf, auf, mein Herz, mit Freuden
nimm wahr, was heut geschicht;
wie kommt nach großem Leiden
nun ein so großes Licht!
Mein Hei-land war gelegt
da, wo man uns hinträgt,
wenn von uns unser Geist
gen Himmel ist gereist.
6. Ich hang und bleib auch hangen
an Christus als ein Glied;
wo mein Haupt durch ist gangen,
da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod,
durch Welt, durch Sünd, durch Not,
er reißet durch die Höll,
ich bin stets sein Gesell.
„Zieh ein zu deinen Toren“ EG 133
mit Text von Paul Gerhardt (1653) und Musik von Johann Crüger (1653)
8. Du, Herr, hast selbst in Händen
die ganze weite Welt,
kannst Menschenherzen wenden,
wie dir es wohlgefällt;
so gib doch deine Gnad
zu Fried und Liebesbanden,
verknüpf in allen Landen,
was sich getrennet hat.
„In diesem Fenster findet sich das Geschehen des Kirchenjahres. Aus der Geburt Christi im unteren Teil erhebt sich rechts das Kreuz ‚O Haupt voll Blut und Wunden‘, das in das Oster-Geschehen und Pfingsten einmündet.“
Gestaltung der Kirchenfenster
im Paul Gerhardt Stift zu Berlin im Jahre 1990
Die Auftragserteilung für die sechs Fenster im Kirchenschiff der Kapelle im Paul Gerhardt Stift erfolgte nach einem Wettbewerb. Die drei Apsisfenster wurden nach Fertigstellung der Seitenschiff-Fenster beauftragt. Im Wettbewerb war vorgegeben, die Fenster nach Liedern von „Paul Gerhardt" zu gestalten.
Eingereicht habe ich Ideenskizzen für eine moderne Gestaltung, dazu ein Musterfenster, das Material und Farbigkeit zeigte. Das Material ist mundgeblasenes „Echt-Antikglas", hergestellt in der Glashütte Lamberts in Waldsassen, Oberpfalz.
Bei der Ausführung der Kirchenfenster wurden ca. 50 Farben verwendet, davon einige Farben zusätzlich in „Danziger Glas" mit seinen schlierenartigen Verdickungen.
Die handwerkliche Arbeit wie das Zusammenfügen der Gläser mit Bleiruten und die Montage wurde von Glasermeister Detlef Graw ausgeführt. In der Vorbereitung für die Gestaltung der Fenster habe ich mich dem Leben und Wirken des Menschen und Dichters „Paul Gerhardt" intensiv genähert. Daraus erwuchs eine tiefe Beziehung.
Die Liedtexte entnahm ich dem Evangelischen Gesangbuch für die Provinz Brandenburg-Berlin von 1898. Zum einen war es für mich die Verbindung zur ersten Zeit der Arbeit der Diakonissen des Stiftes.
Außerdem enthielt dieses Gesangbuch noch 36 Lieder von Paul Gerhardt, in der jetzigen Ausgabe 1991 sind es nur noch 26.
Wesentlich bei der Begegnung mit seinen Liedern war für mich, dass Paul Gerhardt trotz aller Schicksalsschläge dem Danken und Loben Ausdruck verlieh.
Daher finden sich in meiner Gestaltung Wärme, ja Frohsinn der Farben und Linien, die über die Fenster hinausgehen. Andere Linien symbolisieren die Gradlinigkeit des Menschen Paul Gerhardt, der nur dem Höheren dient.
Er weigerte sich angepasst zu predigen und den Revers des Kurfürsten zu unterschreiben. Dies kostete ihn sein Predigtamt an der Nikolaikirche zu Berlin. Zum dritten bedeuten etliche Linien, aufstrebend zwar, jedoch nicht ohne Brüche und Schwankungen, den Glaubensweg vieler Menschen.
Die Fenster rechts und links sind verbunden durch Bänder, bestehend aus farbigen Rechtecken, die sich in den Apsisfenstern aufheben. Sie umfassen die Gemeinde in Zukunft und Vergangenheit, indem sie die vorigen Apsisfenster zitieren.
— Erica Feist
Fotos der Fenster: Atelier Michael Harms