150 Jahre - viele Perspektiven: Stimmen aus dem Stift

In dieser Woche teilen wir mit Ihnen einen Beitrag von Dr. Joachim von Bülow. Er schildert seine persönlichen Erfahrungen im Paul-Gerhardt-Stift, wo er zwischen 1972 und 1983 tätig war und dabei die prägende, von Diakonissen geprägte Arbeits- und Wertewelt des Hauses kennenlernte und beschreibt Momente wie das 100 jährige Jubiläum vor 50 Jahren. Zugleich beschreibt er die Entwicklung des Stifts von einem klassischen Krankenhaus hin zu einem vielfältigen diakonischen Versorgungs- und Lebensort im Stadtteil Wedding.


Von 1972 bis 1983 war ich Mitarbeiter des Paul-Gerhardt-Stifts. Ich bin Dr. Joachim von Bülow und habe in dieser Zeit nicht nur meine ersten Erfahrungen in der Krankenpflege und Medizin gemacht, sondern auch eine innere Verbindung zum Paul-Gerhardt-Stift sowohl als Krankenhaus als auch als Diakonissen-Mutterhaus geknüpft.

Im Frühsommer 1972 habe ich noch als Oberschüler um ein Gespräch bei der damaligen Oberin Schw. Hildegard Oelke gebeten und gefragt, ob ich in den Sommerferien ein dreiwöchiges Praktikum im Paul-Gerhardt-Stift absolvieren könne. Ich wurde in den Ferien auf der chirurgischen Station »Männer 2/3« eingesetzt und von den Schwestern und Pflegern sehr freundlich empfangen. In den beiden Folgejahren durfte ich in den Sommerferien wiederkommen und wurde dann bereits als ungelernte Kraft entlohnt – eine willkommene und erhebliche Aufstockung meines Taschengeldes.

Nach meinem Abitur, dessen Ergebnis leider keine sofortige Aufnahme des Medizinstudiums ermöglichte, erkundigte ich mich bei Oberin Oelke, ob es möglich sei im Paul-Gerhardt-Stift eine Krankenpflegeausbildung zu erhalten – auch wenn ich im Falle einer Zulassung zum Studium u. U. die Ausbildung vorzeitig abbrechen würde. Ich war sehr froh, daß mir diese Gelegenheit gegeben wurde und ich die Ausbildung beginnen durfte. Als »Lernpfleger Joachim« war ich auf verschiedenen Stationen eingesetzt und lernte noch mehr Bereiche des Hauses kennen.

Damals wurden noch bis auf eine Ausnahme alle Stationen von Diakonissen geleitet, die an sechs Tagen in der Woche morgens bereits vor 06:00 Uhr auf ihre Station kamen. Gegen 07:00 Uhr gingen sie in die Kirche zur gemeinsamen Andacht und kehrten dann wieder auf ihre Stationen zurück. Mittags zogen sie sich lediglich für ein bis zwei Stunden zurück um anschließend wieder bis in die Abendstunden ihre Stationen zu leiten. Das war für den Umgang mit den Patienten, aber auch für das Miteinander der Mitarbeitenden prägend. So erinnere ich mich an die Sparsamkeit der Diakonissen im Umgang mit Verbrauchsmaterial (»Davon nehmen Sie jetzt aber nur die Hälfte.«) wie auch an eine gewisse Strenge im Umgang mit Patienten (»Der Oberarzt hat aber gesagt…«). Als Mitarbeitende verschiedener Stationen begannen über eine Fünf-Tage-Woche zu diskutieren, führte das damals zu einer deutlichen Unruhe unter den Diakonissen und hat eine lange Probephase auf der einzigen Station, die von einer »freien« Schwester geleitet wurde, und Überzeugungsarbeit gegenüber hartnäckigen Bedenken benötigt, bevor die Dienstpläne auf Fünf-Tage-Wochen umgestellt wurden.

Da das Krankenhaus in verschiedenen Gebäuden untergebracht war, gehörte es u. a. auch zu den Aufgaben als Lernschwester oder -pfleger Patienten über das Gelände zum Röntgen oder EKG zu begleiten, die Tüten mit den Röntgenbildern für die Visite zu holen oder Blutproben zum Labor zu bringen – und das bei jedem Wetter. Mir ist eine Situation in guter Erinnerung geblieben, in der ich losgeschickt wurde und es kräftig regnete. Ich bekam damals von einer Diakonisse schmunzelnd den guten Ratschlag: »Gehen Sie nur, ein jeder Tropfen trifft ja nicht!« Bis heute fällt mir dieser Satz ein, wenn ich unerwartet in einen Schauer gerate, und jedesmal muß ich lächeln.

Vorherrschend war eben der durch die Diakonissen geprägte, freundliche, zugewandte Umgang der Mitarbeitenden untereinander. Es war allen im Bewußtsein, ohne daß damals bereits jemand ein »Leitbild« wie heute üblich formuliert hätte, daß wir in einem evangelischen Krankenhaus miteinander arbeiteten. Das Paul-Gerhardt-Stift zählte zwar unter den Berliner Krankenhäusern zu den kleineren, war aber aufgrund seiner Geschichte ein fester Bestandteil der pflegerischen und medizinischen Versorgung für die Menschen im Wedding – keine Hochleistungsmedizin, aber eine notwendige, von den Patienten anerkannte und geschätzte gute Basisversorgung.

Für die theoretische Ausbildung der Lernschwestern und -pfleger hatten sich evangelische Krankenhäuser in (West-)Berlin zusammengeschlossen, neben dem Paul-Gerhardt-Stift das Lazarus-Krankenhaus in Wedding, das Hubertus-Krankenhaus Zehlendorf, das Evangelische Waldkrankenhaus Spandau und das Martin-Luther-Krankenhaus in Grunewald, wo auch die gemeinsame Krankenpflegeschule angesiedelt war. Der gemeinsame Unterricht hat zu krankenhaus-übergreifenden freundschaftlichen Kontakten geführt, die auch nach 50 Jahren noch bis heute zu regelmäßigen Treffen führen.

Das Paul-Gerhardt-Stift hatte nach der Aufgabe der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe die beiden Abteilungen für Chirurgie, geleitet von Chefarzt Dr. Müller und Oberarzt Malade, sowie für Innere Medizin unter der Leitung von Chefarzt Dr. Meier und Oberarzt Dr. Yücel. Für die Krankenpflegeausbildung war es aber verpflichtend, auf Stationen von drei Fachbereichen gearbeitet zu haben. So wurde ich vom Paul-Gerhardt-Stift für einige Wochen in die Abteilung für Orthopädie des Evangelischen Waldkrankenhauses Spandau »ausgeliehen«; das Haus, in dem ich später viele Jahre als Chefarzt und Ärztlicher Direktor tätig werden sollte – aber das ist eine andere Geschichte.

1976 stand das einhundertjährige Jubiläum des Paul-Gerhardt-Stiftes an, das mit einem Festgottesdienst und anschließenden Veranstaltungen gefeiert werden sollte. Nach meiner Erinnerung stand das Jubiläum unter dem Leitsatz »Suchet der Stadt Bestes«. Oberin Oelke wußte, daß ich in meiner damaligen Heimatgemeinde Alt-Wittenau im Kirchenchor sang, und bat mich, unseren Kantor zu fragen, ob der Chor im Gottesdienst singen könnte. Unser Kantor stimmte zu und auf diese Weise konnte ich meinen persönlichen kleinen Beitrag zu dem damaligen Jubiläum leisten.

Ein halbes Jahr vor Ende meiner Krankenpflegeausbildung bekam ich einen Studienplatz in Humanmedizin an der Freien Universität Berlin und beendete so meine Ausbildung vorzeitig ohne Abschluß. Aber ich durfte wiederkommen. Ich arbeitete in den Semesterferien gerne auf verschiedenen Stationen, wo immer es Engpässe im Dienstplan gab, konnte mir so mein Studium finanzieren und manches teure Lehrbuch kaufen. Aber auch während der Semester kam es häufig vor, daß abends das Telefon klingelte, weil der Nachtdienst ausgefallen war und ich gefragt wurde, ob ich kurzfristig einspringen konnte. Der Schlaf mußte dann irgendwann anders nachgeholt werden, aber die Station war versorgt und ich konnte mich über den zusätzlichen Taschengeldbeitrag freuen. So blieb ich auch während des gesamten Studiums mit dem Paul-Gerhardt-Stift verbunden.

In den Jahren danach habe ich die weitere Entwicklung mit der Schließung des Krankenhausbetriebs und der Suche nach neuen Aufgaben für das Paul-Gerhardt-Stift aus der Ferne, aber immer in innerer Verbundenheit verfolgt. Ich habe mich gefreut, wenn ich gelesen habe wie das Stift mit der Eröffnung von verschiedenen Praxen, von Seniorenwohnungen, eines Kindergartens, eines Medizinischen Versorgungszentrums oder des Stadtteilzentrums, mit Geflüchtetenwohnungen und ambulanter Pflege weiter Anlaufstelle für die Menschen im Wedding geblieben ist.

Das Paul-Gerhardt-Stift steht seit 150 Jahren nicht in einem wohlhabenden Umfeld, sondern in einer rauhen Umgebung, in der Menschen Hilfe brauchen und suchen. Es ist ein Schatz, daß es in der gesamten Geschichte des Hauses immer Menschen gab, die bereit waren im Paul-Gerhardt-Stift mitzuarbeiten und den Menschen zu helfen. Damit war das Paul-Gerhardt-Stift immer ein Ankerplatz, von dem die Menschen wußten, daß sie ihn aufsuchen konnten, wenn sie woanders keine Hilfe bekamen.           
Ich wünsche dem Paul-Gerhardt-Stift, daß die Erfüllung dieses christlichen Auftrags auch in der Zukunft gelingt und es immer Menschen gibt, denen es wichtig ist, dazu beizutragen.

Dr. Joachim von Bülow         
Berlin, Juni 2026


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