Historie

Satzung des Paul Gerhardt Stifts  

 

Aus der Geschichte

Im Jahre 1876, mitten in der Gründerzeit, die einigen zu märchenhaftem Reichtum verhalf, viele aber in existenzielle Nöte stürzte, wurde in Berlin-Kreuzberg das Paul Gerhardt Stift gegründet. Die Arbeit der Diakonissen war eine Antwort der Kirche auf das soziale Elend der Zeit. Schwerpunkt im Dienst an „Christus in seinen Armen und Elenden“ war der Einsatz von Schwestern in den Kirchengemeinden (vor dem zweiten Weltkrieg waren Paul Gerhardt Schwestern in 136 Gemeinden tätig). Hinzu kam nach der Verlegung des Mutterhauses in die Müllerstraße im Wedding (1888 Einweihung unter dem Protektorat der Kaiserin Augusta) ein Krankenhaus als Ausbildungsstätte für die Schwestern und zur Versorgung der Kranken im Kiez.


Mit dem Wachsen der Schwesternschaft wurden weitere Arbeitszweige aufgebaut (Poliklinik für behinderte Kinder, Kindergärtnerinnenseminar, Säuglingsheim, Säuglingspflegeschule, Krankenpflegeschule, Hauspflegeschule, Ev. Kirchlich-soziale Frauenschule, Damenheim und vieles mehr). Es wurde Sorge getragen, dass alle Ausbildungsstätten zu einem staatlich anerkannten Abschluss führten.


Der erste Weltkrieg, die Inflation und die NS-Zeit haben der aufstrebenden Stiftung geschadet. Manche Arbeit musste wegen der wirtschaftlichen Verhältnisse aufgegeben werden, die meisten Ausbildungsstätten wurden aus ideologischen Gründen von den Nazis geschlossen. Der zweite Weltkrieg brachte neben Zerstörungen an den Gebäuden in seiner Folge die Teilung Berlins und die Abtrennung des Mutterhauses von seinem Hinterland. Dies ist – neben Veränderungen der Lebensverhältnisse und Wertvorstellungen – einer der Gründe für das Ausbleiben von Nachwuchs für die Diakonissenschaft. Mit deren Rückgang von 425 Schwestern (1928) auf 126 (1976, 100. Gründungstag) und der zunehmenden Überalterung mussten nach und nach alle Gemeindeschwesternstationen geschlossen werden. Im Krankenhausbereich übernahmen immer mehr „zivile“ Schwestern den Dienst. Aufgrund von Senatsbeschlüssen schloss 1989 das Krankenhaus vor Ort und wurde in die Krankenhaus Moabit GbR überführt. 1989 bzw. 1991 wurden das Damenheim und das Kinderheim geschlossen.


Im Gelände Müllerstraße wurden neue Arbeiten begonnen: 1989 öffnete das Paul Gerhardt Heim, das zunächst Übersiedlern aus der DDR und Spätaussiedlern aus Polen, dann Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion und zuletzt traumatisierten Kriegsflüchtlingen und Asylbewerbern eine begleitete Übergangswohnmöglichkeit bot. 1991 wurden die Krankenhausgebäude in ein ambulantes Gesundheitszentrum mit Arztpraxen fast aller Fachrichtungen umgebaut.


Leider konnte nicht verhindert werden, dass nach jahrelangem Ringen 2001 auch das Krankenhaus Moabit geschlossen und dieser Arbeitszweig damit endgültig beendet wurde. Infolge dieser Entscheidung verlor das Stift mit der Krankenpflegeschule auch seine Ausbildungsstätte. Umso erfreulicher war es, dass 2001 das Angebot für das betreute Wohnen durch die Eröffnung des Paul Gerhardt Wohnstiftes mit 48 Wohnungen erweitert werden konnte.


Trotz der hohen Wertschätzung sah sich der Senat im Jahre 2004 aus finanziellen Gründen nicht zur Verlängerung des Vertrages für das Paul Gerhardt Heim imstande. Die Weiterführung der Arbeit mit Flüchtlingen und Asylbewerbern kann nur noch in kleinem Maßstab erfolgen. Neue Aufgaben müssen gefunden und umgesetzt werden, wie z.B. der Bau eines Altenpflegeheimes mit Schwerpunkt für Demenzerkrankte.


Vieles gehört also der Geschichte an, auch die zahlenmäßig starke Diakonissenschaft. Doch ist ein lebendiges geistliches Zentrum erhalten geblieben, getragen von den derzeit 10 Diakonissen, 15 Mitgliedern des 1997 gegründeten Paul Gerhardt Konvent (einer diakonischen Schwestern- und Bruderschaft) und engagierten Mitarbeitern, Bewohnern des Mutterhauses und des Wohnstifts. Sie alle sind offen für neue Aufgaben und Arbeiten des Paul Gerhardt Stiftes.

Die Gegenwart ist geprägt von Kooperation mit diakonischen Trägern, wie dem Evangelischen Johanesstift und der St. Elisabeth Stiftung, die gemeinsam mit uns in der Paul Gerhardt Stift Pflege gGmbH das Pflegewohnheim am Schillerpark verantworten.

 

W. Gayko

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